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Harding, Thomas
Sommerhaus am See
Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte. Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
DTV DEUTSCHER TASCHENBUCH VERLAG
Nonbooks, PBS
ISBN 978-3-423-42845-3
Preis 12,99 (inkl. 5% Mwst)
 
 
Lieferstatus  
 
"Ein leidenschaftliches Erinnerungsbuch über Deutschland." Neil MacGregor

In den 1920er-Jahren war das Holzhaus am idyllischen See von Groß Glienicke das Ferienparadies für die jüdische Familie Alexander gewesen. Für Elsie Alexander, die Großmutter von Thomas Harding, blieb es trotz Verfolgung und Vertreibung durch die Nazis ein Ort für die Seele. Wie durch ein Wunder steht das Haus noch immer, über Jahrzehnte Zufluchtsort für fünf Familien, deren Schicksale das deutsche 20. Jahrhundert spiegeln. Nach Kriegsende lag es auf DDR-Gebiet. Die Mauer wurde durch den Garten gebaut, am Seeufer entlang. Zuletzt stand es leer, verfiel und sollte abgerissen werden. Doch Thomas Harding und seine Mitstreiter vor Ort sorgten dafür, dass dies nicht geschah. Er beschloss, dem Haus seine Geschichte wiederzugeben.

Thomas Harding ist Journalist und Autor und lebt heute mit seiner Familie in Hampshire/England. Er schrieb für Zeitungen wie "The Guardian", "The Sunday Times", "The Independent" und die "Financial Times". Er ist Mitbegründer eines Fernsehsenders in Oxford und gab lange Jahre eine vielfach mit Preisen ausgezeichnete Zeitung in West Virginia heraus.
Prolog

Im Juli 2013 flog ich von London nach Berlin, um das Sommerhaus zu besuchen, das mein Urgroßvater gebaut hatte.

Am Flughafen Schönefeld nahm ich mir einen Leihwagen, fuhr über die Autobahn bis zu einem Funkturm, der ein bisschen wie der Eiffelturm aussah, und von dort weiter Richtung Olympiastadion und Spandau. An einer Tankstelle bog ich nach links ab. Die Landstraße führte mich durch einen dichten Birkenwald, der nur gelegentlich den Blick auf ausgedehntes Ackerland freigab. Ich wusste, irgendwo zu meiner Linken floss die Havel, aber sie versteckte sich hinter Bäumen. Es war 20 Jahre her, dass ich zuletzt hier gewesen war, und nichts kam mir vertraut vor.

Nach 15 Minuten hieß mich ein Schild in der Ortschaft Groß Glienicke willkommen. Ein paar Meter weiter stand ein zweites Schild. Es markierte einen ehemaligen Grenzübergang zwischen Westberlin und Ostdeutschland. Ich drosselte das Tempo. Nach einem halben Kilometer sah ich den Orientierungspunkt, den ich gesucht hatte: einen cremefarbenen Torbogen gegenüber einer kleinen Feuerwache. Ich fuhr hindurch und parkte das Auto.

Ich wusste nicht mehr genau, welche Richtung ich einschlagen sollte. Ich hatte keine Karte der Ortschaft und es gab niemanden, den ich hätte fragen können, also verriegelte ich das Auto und ging ein paar Schritte auf einem kleinen Pfad entlang, der von Unkraut und Brombeersträuchern überwachsen war. Dann entdeckte ich ein Straßenschild mit der Aufschrift "Am Park". War es das? War der Weg nicht sandig gewesen? Ich erinnerte mich vage an ein Gemüsebeet und eine Hundehütte, an einen ordentlich angelegten Garten und schmucke Blumenrabatten. 50 Meter weiter endete der Weg abrupt an einem breiten Metalltor mit dem Hinweis "privat". Mir war bewusst, dass ich hier ohne Erlaubnis eindrang, dennoch duckte ich mich unter einem Stacheldraht hindurch und suchte mir einen Weg durch schulterhohes Gras in die Richtung, in der ich den See vermutete. Links stand eine Reihe moderner Backsteinhäuser und rechts erstreckte sich eine wild wuchernde Hecke. Und plötzlich sah ich es: das Haus meiner Familie. Es war kleiner, als ich es in Erinnerung hatte, nicht viel größer als ein Sportpavillon oder eine Doppelgarage, zugewachsen von Büschen, Kletterpflanzen und Bäumen. Die Fenster waren mit Sperrholzplatten zugenagelt, das nahezu flache schwarze Dach war rissig und mit herabgefallenen Zweigen bedeckt, die gemauerten Schornsteine bröckelten und wirkten einsturzgefährdet.

Langsam umrundete ich das Haus, berührte abblätternde Farbe und verrammelte Türen, bis ich auf ein zerbrochenes Fenster stieß. Ich kletterte hinein. Mithilfe meines I-Phones beleuchtete ich das Innere. Was ich sah, waren Berge von schmutziger Kleidung und gammeligen Kissen, mit Graffiti beschmierte Wände, Schimmel, zerstörte Haushaltsgeräte, Teile der Einrichtung, verrottende Dielen und leere Bierflaschen. Ein Raum schien als Drogenhöhle genutzt worden zu sein; er war übersät mit kaputten Feuerzeugen und verrußten Löffeln. Ein trauriger Ort mit der Melancholie eines verlassenen Gebäudes.

Ich kletterte durch das Fenster wieder nach draußen und ging zu dem Haus nebenan. Vielleicht würde ich jemanden antreffen. Ich hatte Glück, eine Frau arbeitete im Garten. Unbeholfen stellte ich mich in gebrochenem Deutsch vor. Sie antwortete auf Englisch. Ich erklärte, dass ich zu der Familie gehörte, die in dem Haus gelebt hatte. Ob sie wisse, was damit passiert war und wem es gehörte. "Es steht seit mehr als einem Jahrzehnt leer", sagte sie und deutete zum Ufer. "Die Berliner Mauer wurde dort errichtet, zwischen dem Haus und dem See", erklärte sie. "Es hat viel durchgemacht, aber jetzt ist es ein Schandfleck." Seltsamerweise schien sich ihr Är