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Wagner, Thomas
Der Dichter und der Neonazi
Erich Fried und Michael Kühnen - eine deutsche Freundschaft. Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
KLETT-COTTA
Nonbooks, PBS
ISBN 978-3-608-12039-4
Preis 15,99 (inkl. 7% Mwst)
 
 
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21. Januar 1983: Eine unwahrscheinliche Begegnung bahnt sich an. Michael Kühnen - Wortführer der Neonazi-Szene - und Erich Fried - jüdischer Dichter und glühender Antifaschist - sollten sich in einer Fernsehtalkshow begegnen. Doch kurzfristig wurde Kühnen ausgeladen. Die Überraschung war groß, als gerade Fried erklärte, dies sei ein Fehler gewesen. Es war der Beginn einer unglaublichen, ja verstörenden Freundschaft. Thomas Wagner erzählt die verblüffende Geschichte, wie aus einer unerwarteten Wendung ein über Jahre andauernder Austausch entstand. Die ungleiche Beziehung zwischen dem verurteilten Neonazi und besessenen Hitlerverehrer und dem Dichter, dessen Großmutter in Auschwitz ermordet worden war. Wagner nähert sich dabei einer der zentralen gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit an: Wie soll man umgehen mit dem Wiedererstarken des Faschismus in Deutschland, Europa und der Welt? Zudem lernen wir zu seinem 100. Geburtstag Erich Fried neu kennen: als einen Linken, der unverbrüchlich an die Möglichkeit des politischen Austauschs zwischen Links und Rechts glaubte. Als den Verfechter einer offenen Streitkultur, die auch dort nicht zurückschreckt, wo radikale, teils schwer zu ertragende Positionen aufeinandertreffen.

Thomas Wagner, geboren 1967 in Rheinberg, ist Kultursoziologe; er arbeitete in der Erwachsenenbildung und als Zeitungsredakteur. Als freier Autor schrieb er unter anderem für die »Neue Zürcher Zeitung«, die »taz« und die »Süddeutsche Zeitung«. Zuletzt veröffentlichte er die gesellschaftspolitischen Sachbücher »Die Angstmacher« (2017), »Das Netz in unserer Hand« (2017) und »Herrschaftsfreie Institutionen» (2019).
Jugend in Wien

»Telegraf, Telegraf am Mittag, 10 Groschen«, erklang die alte, schrille Stimme der Zeitungsverkäuferin.[1] Jeden Werktag stand sie hier vor den Glasfenstern des Café Thury im neunten Wiener Bezirk, genannt: am Alsergrund. Bis 1850 befand sich hier der Vorort Thury. Der Name erinnert an den Ziegelbrenner und Hofbediensteten Johann Thury, der sich zur Mitte des 17. Jahrhunderts als Erster wieder hier niederließ, nachdem die türkische Belagerungsarmee das verwüstete Gebiet verlassen hatte. An den Bach, der sich hier einst seinen Weg gebahnt hatte, erinnerte jetzt nur noch ein Straßenschild: Alserbachstraße. Man hatte ihn im 19. Jahrhundert eingewölbt, um der Rattenplage und der Cholera Herr zu werden.[2] Hier, in Nummer 11, Ecke Pfluggasse kam Erich Fried am 6. Mai 1921 als das einzige Kind der Grafikerin Nellie Fried, geb. Stein, und Hugo Frieds in der Wohnung der Großmutter Malvine Stein zur Welt. Die jüdische Familie lebte bis zum Ende der dreißiger Jahre unter einem Dach. Erich verbrachte fast seine gesamte Kindheit und Jugend in diesem Haus.

Betrachtet man alte Fotos, so hat sich das unmittelbare Umfeld des Bürgerhauses seitdem äußerlich kaum verändert. Die Fassaden ähneln sich. Nach wie vor zieht die Tram der Linie 5, der Fünfer, auf der Alserbachstraße ihre Bahn durch die Nachbarschaft. Ein Metallgatter trennt den Gehweg von der etwas tiefer liegenden Straße. Die darauf befestigten Blumenkästen sind leer. Ein Kaugummiautomat. Das Spezialitätenrestaurant Tiflis preist die georgische Küche an. Kleingewerbe, kleine Lädchen. Ein Tapeziergeschäft, die Räumlichkeiten der Kindergruppe »Kükennest«. Ein Porzellanladen und ein Solarium. Mehrere Geschäftsräume stehen leer. Ein Hofladen wirbt mit echt österreichischem Bienenhonig. Auf dem Türschild steht: »Aufgrund der unerträglichen Hitze haben wir vom 8.8.-18.8. geschlossen!« Dort, wo man einst einen Blick in die Fenster des Café Thury hatte werfen können, residiert im August 2018 eine Filiale der »Büchereien Wien« - daneben ein Fitnessstudio. An der Fassade des Hauses mit der Nummer 11 ist eine Plakette für den 1981 oder 1982 von Friedensreich Hundertwasser gepflanzten sogenannten Baummieter angebracht. Die bei Renovierungsarbeiten zu Schaden gekommene Robinie, die der damals sehr populäre Künstler aus einem Fenster über der zu dieser Zeit dort befindlichen Filiale der Zentralsparkasse wachsen ließ, wurde durch eine Hainbuche ersetzt. Der Visionär wollte die städtische Atemluft durch die Bepflanzung von Wohnhäusern verbessern. Angesichts der stickigen Hitze, welche die Wiener seit endlosen Wochen quält, mag das heute manchem wieder sehr plausibel erscheinen.

Wer seinerzeit die Wohnung der Familie Fried im vierten Stock betrat, kam zunächst in ein großes Vorzimmer, dem rechts ein langer Flur folgte. Auf der linken Seite befanden sich Salon, Speiseraum und das Schlafzimmer der Eltern.[3] Auf der rechten Seite des Flurs waren die Fenster zum Hinterhof, Bad und Toilette, eine Kohlenkammer, die Kammer des Hausmädchens und die Küche, dahinter, mit Blick in den Hof, das Zimmer, in dem der kleine Erich mit nicht nachlassender Energie seine Ideen spann. Nach wie vor lädt die etwas oberhalb gelegene Markthalle, die Erich von der Wohnun